Wenn der Weg das Ziel ist

Eine Mantrailing-Trainerin geht mit einem Husky auf einem Bergweg in den Alpen. Im Bild steht der Schriftzug „Wenn der Weg das Ziel ist“.
Geschätzte Lesedauer: 14 Minuten

Darf ich einem Hund beibringen, wie er seine Nase einsetzt? Von Beginn meiner Trainerinnen-Tätigkeit an habe ich die Hunde beim Trailen spurtreu ausgebildet, habe wortwörtlich den Weg als Ziel definiert.
In diesem Artikel hinterfrage ich aufgrund einer Frage in einem Online-Seminar diese Entscheidung bewusst kritisch. Ist es wirklich gerechtfertigt, auch den Hunden, die sonst ihre Nase anders einsetzen würden, die spurtreue Suche anzutrainieren?
Die klare Antwort: „Es kommt drauf an…“

Kleine Vorwarnung: Die errechneten 14 Minuten Lesezeit sind sportlich. Ich fürchte, fürs Mitdenken hat das Plugin keine Zeit eingerechnet.

Das Wichtigste in Kürze

⚖️ Die Veranlagung des Hundes spielt eine Rolle. Einem Hund eine Suchstrategie beizubringen, die nicht seinem bevorzugten Suchmuster entspricht, braucht für mich eine bedürfnisorientierte Umsetzung und eine gute Begründung.

⚖️ Ob spurtreues Mantrailing für einen Hund eine gute Entscheidung ist, lässt sich nicht allein anhand seiner Veranlagung beantworten. Entscheidend ist das reale Mensch-Hund-Team: seine Bedürfnisse, Möglichkeiten und die tatsächlich verfügbaren Alternativen.

⚖️ Der Weg selbst muss für den Hund gut sein. Das Anlernen der spurtreuen Suche darf nicht mit dem langfristigen Nutzen gerechtfertigt werden, wenn der Hund auf dem Weg dorthin einen Preis zahlen muss, den ich nicht vertreten kann.

⚖️ Erst dann darf der langfristige Nutzen mit in die Waagschale. Eine zunächst nicht bevorzugte Suchstrategie kann zu einer freudvollen gemeinsamen Aktivität werden – und Mantrailing kann Entwicklungen ermöglichen, die weit über den Trail hinausreichen.

⚖️ Spurtreue ist für mich kein Selbstzweck. Ich gestalte und begleite Trails so, dass sie zum individuellen Hund passen. Ich sehe mich dabei nicht als seine Prüferin, sondern als Gefährtin des Mensch-Hund-Teams.

⚖️ Und die Wissenschaft? Für das Modell einer ortstreuen „Schweren Spur“ fehlt uns der direkte Nachweis. Gleichzeitig lässt sich aus dem Verhalten eines Hundes weder ihre Existenz noch ihre Nichtexistenz unmittelbar beweisen.

Kurz gesagt: Es kommt drauf an …

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Du kannst Dir den Artikel auch anhören:

„Was ist wichtiger?“ Fragte der Große Panda,
„der Weg oder das Ziel?“
„Die Gefährten“, sagte Kleiner Drache.

James Norbury
Großer Panda und Kleiner Drache

Eine Frage, die mich nicht mehr losließ

Ende Juli habe ich einen Online-Workshop bei Dr. Ute Blaschke-Berthold gemacht. Thema: Was brauchen unsere Hunde wirklich? Wissen sortieren, Bedürfnisse verstehen.

Wir haben den Blick geschärft und Perspektiven gewechselt. Und ganz in meinem Sinne war eine der Kernbotschaften des Wochenendes: „Der Weg ist das Ziel“. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Diese Schlussfolgerung, dass auch ein guter Zweck die Mittel nicht heiligt, ist für das in diesem Zusammenhang häufig angführten Extrembeispiel des Einsatzes eines Stromhalsbändern für mich eindeutig. Da besteht für mich nicht der Hauch eines Zweifels. 

Aber wenn ich diesen Gedanken konsequent weiterdenke, kommt ein leicht bitterer Beigeschmack dazu: Wie sieht es denn mit meinem Vorgehen aus, Hunden beim Trailen das spurtreue Arbeiten anzutrainieren? 

An dieser Stelle drängt sich einem fast der Gedanke auf, dass die gesamte Fragestellung doch einfach hinfällig wird, indem wir Hunde einfach nach ihrem bevorzugten Muster suchen lassen. Leider ist das eine rein theoretische Lösung, denn praktisch scheitert das an der Realität, in der wir uns beim Mantrailing bewegen. Wir können dem Hund die Umsetzung der Suche über Hochwitterung gar nicht so ermöglichen, wie es zur Bedürfniserfüllung nötig wäre und Frust ist die Folge. Warum? Kurz gesagt: Er wird durch Umwelt und Barrieren  immer wieder ausgebremst, er kann nicht in dem bevorzugten Tempo und Bewegungsradius arbeiten. Die spurtreue Suche dagegen liefert ihm kontinuierlich Orientierung und macht den Weg selbst zu einer verlässlichen Informationsquelle, wobei wir den Schwierigkeitsgrad des Trails für die Hunde maßschneidern können. Weitere Gründe findest Du im Artikel „Trailen auf dem Geruchsband“.

Die unbequeme Frage, ob auch dieses gut begründbare Ziel den Eingriff in das Suchverhalten eines Hundes rechtfertigt, ist damit jedoch noch nicht eindeutig beantwortet. 

Die Tage nach dem Seminar lag diese offene Frage immer wie ein Stein in meinem Magen. Ein Schatten in meiner Trainingsphilosophie. Höchste Zeit, das mal genauer zu beleuchten.

Denn stimmt das wirklich? Kann man die Anwendung eines Stromhalsbandes mit dem Antrainieren der spurtreuen Suche vergleichen?

Nein, natürlich nicht. Dennoch ist die Frage nach der Rechtfertigung legitim. Und mit diesem Artikel stelle ich mich ihr.

Ein Interview, das meine Sicht geschärft hat

In der Woche vor dem obengenannten Seminar habe ich eine Podcastfolge mit Ines Scheuer-Dinger aufgezeichnet.

Ines und ich schauen aus verschiedenen Perspektiven auf Mantrailing: Ich liebe es und sehe so viel Positives, was wir damit bewirken können. Ines hat leider häufig mit Teams zu tun, bei denen sich deren Mantrailing-Training eher nachteilig auf das Wohlbefinden der Hunde ausgewirkt hat. 

Und so haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt, wann Mantrailing für den jagdlich ambitionierten Hund wirklich in Summe förderlich ist und wann eben nicht.

Wir haben uns immer wieder die folgenden Fragen gestellt und aus verschiedenen Perspektiven beantwortet:

„Was hat dieser Hund davon?“
„Welchen Preis muss er dafür zahlen?“

und ergänzend:
„Was hat die Bezugsperson davon?“
„Was hat das gesamte Mensch-Hund-Team davon?“

Die Antwort war immer wieder: „Es kommt drauf an…“ – und zwar sowohl auf die Bedürfnisse aller Beteiligten als auch auf die Umsetzung. 

Ines brachte es auf den Punkt:

„Die Menschen kommen, weil sie ihrem Hund etwas Gutes tun wollen. Das muss für uns immer die erste Priorität sein. Vieles ließe sich verändern – dafür braucht es die Bereitschaft der Trainer*innen, das Training entsprechend anzupassen.“

Oder, so wie ich Kleinen Drachen interpretiere: Die Gefährten sind entscheidend. Nicht nur der Weg und das Ziel.

Wenn Wohlbefinden der Wegweiser ist

Wer sind nun „die Gefährten“ beim Mantrailing-Training aus der Sicht des Hundes? Es sind die Bezugspersonen und die Trainer*innen. Dabei ist deren Haltung und Zielsetzung für das Training entscheidend.

Um den Wunsch „dem Hund etwas Gutes zu tun“ zu erfüllen, müssen wir natürlich grundsätzlich die Umsetzung der kompletten Trainingseinheit ansehen. Ist Leistung oder Wohlbefinden das Ziel? Dabei geht es nicht nur um den Trail selbst, sondern auch um das Vorbereiten, Ankommen, die Pausen und das Ende des Trainings. Beim bedürfnisorientierten Mantrailing, das ich hier mal als Basis voraussetze, wird die Trainingseinheit ganzheitlich betrachtet, Frust möglichst verhindert und der Schwierigkeitsgrad sowie die einzelnen Trainingschritte werden genau an den Hund angepasst.

Wir entscheiden uns ganz bewusst, dem Hund gute Gefährten zu sein und jede Trainingsentscheidung daran zu messen.

Um Trainingsentscheidungen zu treffen, betrachten wir sehr genau den Hund, um den es geht. Was ist denn für diesen Hund „etwas Gutes“? Konkret also – was braucht der Hund gerade am dringendsten?

Und da sind wir bei den Bedürfnissen. Hangelt man sich an den Fünf Säulen des Enrichments entlang und durchleuchtet den Alltag des Hundes, hat man ein gutes Leitsystem, um zu erkennen, was dem Hund gerade wirklich gut tut.

Braucht der Hund in erster Linie:

  • Erfüllung grundlegender Bedürfnisse für sein Wohlbefinden?
    oder
  • Einfach ein nettes Hobby, bei dem beide gemeinsam Freude haben?

Denn das sind für mich völlig unterschiedliche Voraussetzungen für die Beantwortung meiner Frage zur Anleitung zum spurtreuen Trailen.

… und dann gibt es ja auch noch die Bedürfnisse der Bezugspersonen und die Rolle, die sie spielen.

Erfüllung grundlegender Bedürfnisse des Hundes

Haben wir es mit einem Hund zu tun, der bisher eh nur wenig Bedürfnisse im Alltag ausleben kann, dann ist es gut zu wissen, welches Suchmuster der Hund von sich aus bevorzugen würde. Und welches Laufmuster. Arbeitet der Hund gerne spurtreu, fokussiert in einem Tempo, dem der Mensch gut folgen kann? Ja? Wunderbar. Dann ist die spurtreue Ausbildung entsprechend der Veranlagung dieses Hundes.

Wenn der Hund hingegen lieber in schnellem Tempo und großem Bewegungsradius sucht, müssen wir hier gut überlegen, ob es in Summe für diesen Hund wirklich bereichernd ist, ein anderes Suchmuster an den Tag legen zu müssen. Hier zahlt der Hund einen Preis, den wir bei unserer Entscheidung berücksichtigen müssen.

Jetzt kommt es allerdings auch noch darauf an, was der Grund dafür ist, dass der Hund bisher seine grundlegenden Bedürfnisse nicht erfüllen konnte.

Wenn hier Unsicherheit in der Umwelt oder gegenüber Menschen eine Rolle spielt, dann kann ein für diesen Hund gut angepasstes Mantrailing-Training wiederum hilfreich sein. Das spurtreue Trailen ist eine Lösungsstrategie für den Hund, die ihm eine Erwartungssicherheit mit Erfolgsgarantie bietet. Und uns Trainer*innen bietet es die Möglichkeit, Schwierigkeitsgrade und bewältigbare Rahmenbedingungen in der Umwelt auch wirklich genau zu planen.

Wenn wir also den Benefit für Hunde mit besonderen Bedürfnissen von Mantrailing aktiv ausschöpfen wollen, bräuchten wir den Trainingsschritt zum spurtreuen Trailen vorab, denn Suche über Hochwind ist hier keine echte Alternative.

Was dabei  natürlich zu bedenken ist:

  • Voraussetzung ist ein Mantrailing-Training, das als Angebot an den Hund verstanden wird, das der Hund ohne Verlust seiner Belohnung ablehnen, unterbrechen und abbrechen kann!
  • Mantrailing findet an der Leine statt. Das Bedürfnis nach freier Bewegung im eigenen Tempo wird nicht erfüllt.
  • Die gesamte Trainingseinheit muss für den Hund passen. Ein schöner Trail reicht nicht, wenn das „davor“ und „danach“ nicht passen.

Bedürfnisse der Bezugspersonen

In meinem Buch „Mantrailing – Mehr als Suchen. Wohlbefinden als Wegweiser“ habe ich geschrieben: 

„Ihr schreibt also gemeinsam Eure Erfolgsgeschichte. Ihr fügt Eurem vielleicht anstrengenden Alltag ein Kapitel hinzu, in dem Dein Hund ein Held ist. Du löst mit ihm zusammen fantastische Aufgaben, für die er Superkräfte braucht. Auch Dein Hund hat diese Superkräfte.“ (Seite 34).

Menschen, die ihren Alltag mit Hund sehr anstrengend erleben, vielleicht auch am Rande ihrer Kräfte sind und ihre Freude mit dem Hund zu verlieren drohen… für sie kann bedürfnisorientiertes Mantrailing Balsam auf die Seele sein. 

Hinzu kommt noch, dass diese Menschen sehr davon profitieren, sich mit Gleichgesinnten zu treffen: Mut zu schöpfen, Bestätigung zu bekommen und Kraft aus dem Training zu tanken.

Diese Bedürfnisse nach Verbundenheit und Wachstum des Menschen können mit einem Mantrailing, das sich am Wohlbefinden auch des Menschen ausrichtet, erfüllt werden. Das hat häufig zur Folge, dass diese Menschen Kraft tanken und dadurch im Alltag wieder in der Lage sind, empfohlene Maßnahmen und Training umzusetzen. So kann dann auch der Verzicht auf bisherige Aktivitäten, die jedoch für den Hund belastend waren, leichter fallen.

Ein dadurch ausgeglichenerer Mensch kann ein enormes Plus für den Hund darstellen. Das werfe ich jetzt mal in die andere Seite der Waagschale.

Nur zur Sicherheit: Das Ausleben von sportlichem Ehrgeiz des Menschen auf Kosten des Hundes ist hier definitiv nicht gemeint.

Ein nettes Hobby für das Team

Für Mantrailing als ergänzendes Hobby sieht es nochmal etwas anders aus. Wenn die spurtreue Suche die bevorzugte Suchform des Hundes ist, dann kann bedürfnisorientiertes Mantrailing ein großartiges Hobby für das Team sein.

Wenn die bevorzugte Suchform des Hundes nicht die spurtreue Suche ist, dieses Bedürfnis aber anderweitig gedeckt wird, dann kann Mantrailing dennoch ein nettes Hobby sein. 

Denn das Anlernen der spurtreuen Suche kann sehr kleinschrittig und durch geschickte Wahl des Trailverlaufes auch ohne Frustfallen erfolgen.

Zwischen Beobachtung und Beweis

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, der etwas tricky ist. Also, die mir bekannten Mantrailer*innen, die spurtreu arbeiten, tun das aus voller Überzeugung, und zwar unabhängig davon, mit welchem Ziel sie trailen. Übrigens zeigen auch Hunde, die fürs ID-Tracking ausgebildet wurden, dass sie sehr genau auf der von der Zielperson gelaufenen Spur arbeiten können.

Wir erleben in der Praxis, wie genau Hunde auf der gelaufenen Spur trailen können. Wir erleben, wie Hunde durch ihr Verhalten die „Story des Trails“ in Bezug auf das Vorhandensein von älteren Spuren der Zielperson erzählen. Wir sind aus unserer Praxis von der spurtreuen Suche überzeugt.

Und dann kommt die Frage nach dem Beweis der „Schweren Spur“. Nach Studien, die beweisen, dass es diese Spur so gibt und dass sie so ortstreu bleibt. Die Frage kommt einerseits von überzeugten Mantrailern, die spurtreu arbeiten und nach „Beweismaterial“ suchen, um andere davon zu überzeugen. Andererseits kommt sie von Mantrailern, die skeptisch sind oder direkt zweifeln.

Wir beobachten bei unseren Hunden ein Verhalten, das sich mit dem Modell der ortstreuen schweren Spur sehr gut erklären lässt.

Aber bei der Frage nach einem Beweis in Messwerten, Zahlen und Auswertungen stehen wir mit leeren Händen da. Oder mit Studien, die zu Ergebnissen kommen, die unser Modell nicht stützen.

Das Problem aus meiner Sicht:
Uns steht derzeit keine neutrale Messmethode zur Verfügung, mit der wir auf dem Trail die für den Hund relevante ortstreue Geruchsinformation eines Individualgeruches nachweisen oder ausschließen können. Derzeit erfolgen die Untersuchungen und die Schlussfolgerungen daraus über das Verhalten von Hunden. Heißt: Es werden Mensch-Hund-Teams als „Messinstrumente“ eingesetzt. Diese „Messinstrumente“ besitzen Fähigkeiten, Grenzen und eine Lerngeschichte.

Das stellt für mich eine große Crux für eine Beweisführung dar, und ich möchte das gerne etwas ausführlicher darstellen.

Es galt lange Zeit als unmöglich, dass ein Mensch 100 Meter in unter 10 Sekunden laufen kann. 
Dass ich und vermutlich Du die 100 Meter nicht in unter 10 Sekunden laufen können, ist ziemlich klar. Nur heißt das nicht, dass niemand es kann. Was ja auch nicht stimmt.

Gut – das ist ein extremes Beispiel. Skalieren wir mal runter und schauen uns die Fragstellung an: „Können Menschen 5 Kilometer in unter 25 Minuten laufen?“

Viele Menschen können das, viele nicht, manche können es nach Training – und manche vielleicht trotz guten Trainings nicht.

Nehmen wir also 60 Menschen, von denen die meisten sportlich aktiv sind, einige laufen auch regelmäßig – aber keiner wurde gezielt auf genau diese Distanz und dieses Tempo trainiert.

Wenn viele oder alle scheitern, wissen wir etwas über diese 60 Menschen mit ihrem aktuellen Leistungsstand. Wir wissen aber noch nicht, ob Menschen diese Leistung vielleicht nach gezieltem Zusatztraining erbringen können.

Nehmen wir stattdessen 60 Menschen, die gezielt auf 5 Kilometer in unter 25 Minuten trainiert wurden, werden die Ergebnisse sehr wahrscheinlich anders aussehen. Und was erwarten wir, wenn wir 60 100-Meter-Sprinter*innen oder aber 60 Marathonläufer*innen testen?

Worauf ich hinauswill: Biologische Proband*innen sind keine neutralen Messinstrumente. Man misst immer auch ihre Vorgeschichte mit. 

Jetzt haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen diese 60 Menschen die Leistung erbringen sollen.

Selbst „5 km unter 25 Minuten“ sind keine konstante Aufgabe. Es macht einen Unterschied, ob es eine flache Asphaltstrecke bei angenehmen Temperaturen ist oder ein matschiger Bergweg bei Hitze, Regen oder Schnee. Dazu kommen Ausrüstung, Tagesform usw.

Und was bedeutet das für die Beweisführung mittels Mantrailing-Teams?

Wir nehmen 60 Mensch-Hund-Teams und lassen sie suchen?

60 Hunde können sehr gut ausgebildete Mantrailer sein – und trotzdem für völlig unterschiedliche Suchstrategien ausgebildet worden sein.

Aber auch 60 spurtreu ausgebildete Hunde, die exakt auf dem Trailverlauf arbeiten, wären noch kein direkter Nachweis für eine für Hunde verfolgbare Information entlang des gegangenen Weges.

Und dann kommt noch dazu, dass es beim Trailen fast unmöglich ist, für mehrere Hunde wirklich die gleichen Bedingungen zu schaffen – also standardisierte Testbedingungen. Selbst in abgesperrten Bereichen ist es nicht möglich nacheinander identische Bedingungen zu schaffen. Die Hunde können nun mal nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort suchen. Arbeiten sie denselben Trail nacheinander aus, verändert sich die Liegezeit zwischen Traillegen und Ausarbeitung. Legen wir für jeden Hund einen eigenen Trail, haben wir dafür jedes Mal andere Bedingungen in der Umwelt. Nutzen wir unterschiedliche Zielpersonen, unterscheiden sich auch deren Individualgerüche. Und dann wäre da ja auch noch der Geruchsartikel mit seiner jeweiligen Qualität. 

Es ist einfach ausgesprochen komplex.
Ich fasse an dieser Stelle also kurz zusammen:

  1. Ein Mensch-Hund-Team als „Messinstrument“ ist variabel.
  2. Die Testbedingungen beeinflussen, ob der Hund diese Leistung zeigen kann.
  3. Am Ende beobachten wir Verhalten und ziehen daraus unsere Schlussfolgerungen.

Und daraus folgt für mich die entscheidende erkenntnistheoretische Grenze:

Wenn der Hund nicht spurtreu trailt, ist damit nicht automatisch bewiesen, dass dort keine ortstreue, für Hunde verfolgbare Information vorhanden ist.

Aber umgekehrt:

Wenn der Hund spurtreu trailt, ist das eine Beobachtung, die sehr gut mit dem Modell einer ortstreuen Spur vereinbar ist – aber noch kein direkter Nachweis dieser Spur.

Das macht die Entscheidung, ob ich einem Hund das spurtreue Arbeiten entgegen seiner Veranlagung beibringen soll, obwohl es für die schwere Spur beim Trail keinen wissenschaftlichen Beweis gibt, nicht leichter.

Warum ich weiterhin diesen Weg wähle

Warum reicht mir also offensichtlich das, was ich weiß und beobachte, aus, um einem Hund eine nicht bevorzugte Suchstrategie anzubieten?

Ich habe keine wissenschaftliche Gewissheit. Ich habe Beobachtungen, Erfahrung, Wissen und einen ethischen Rahmen. Und damit muss ich in der Realität verantwortbare Entscheidungen treffen.

Diese Entscheidung ist sehr vielschichtig und von vielen Faktoren abhängig.

Anspruch und Realität unter einen Hut bringen

Der Ausgangspunkt ist dabei der individuelle Hund: Was würde seinen aktuellen Bedürfnissen und seiner Veranlagung besonders gut entsprechen? Soweit die Theorie und der Gedanke des Optimums.

Denn der nächste Schritt ist, dass wir uns der Lebensrealität des Teams stellen müssen. Und beides auf eine machbare Schnittmenge bringen. Was ist tatsächlich verfügbar? Was kann der Mensch jetzt leisten? Sind noch nicht erreichte Voraussetzungen für eine andere Beschäftigung nötig? Und last but not least: Welche realen Möglichkeiten gibt es? 

Und hier spielen die Bedürfnisse und Ressourcen des Menschen eine wichtige Rolle, denn seine Möglichkeiten bestimmen wesentlich mit, wie die Lebensrealität dieses Hundes aussieht.

 

Konkret: Welche realistisch verfügbare Möglichkeit ergibt für dieses Mensch-Hund-Team insgesamt die bessere Bilanz?

 

Vielleicht kommen wir bei einem Hund, der schnell, weiträumig und gerne über Hochwind sucht, zu dem Schluss: Eine entsprechend aufgebaute Freiverlorensuche im Dummytraining könnte seinem individuellen Such- und Laufmuster besser entsprechen.

Diese theoretisch passendere Beschäftigung muss jedoch realisierbar sein. Gibt es ein entsprechendes Trainingsangebot? Ist das so aufgebaut, dass es für den Hund passt? Welche Voraussetzungen braucht dieses konkrete Team? Ist ein geeignetes Gelände verfügbar? Muss das Gelände eingezäunt sein? Wie weit müsste der Mensch fahren? Und auch: Was kann dieser Mensch gerade tatsächlich leisten?

Wenn ich weiß, dass die theoretisch besser passende Beschäftigung für dieses Team derzeit nicht realisierbar ist und eine tatsächlich erreichbare Alternative jedoch mit Trainingsmethoden arbeitet, die ich für diesen Hund nicht vertreten kann, dann fließt auch das in meine Entscheidung ein. Dann biete ich diesem Hund lieber ein Mantrailing an, das ihm guttut – auch wenn es seiner Veranlagung nicht perfekt entspricht.

Der Spatz in der Hand ist kein Trostpreis. Er kann dem Team Flügel verleihen, um zur Taube auf dem Dach zu fliegen.

Der Weg selbst muss für den Hund gut sein

Und hier ist ein grundlegender Unterschied zum anfänglich erwähnten Stromhalsband: Der Weg selbst darf dem Hund nicht schaden.

Das Antrainieren der spurtreuen Suche plane ich kleinschrittig und ich vermeide bewusst Frustfallen. Und es bleibt dabei: Der Hund darf das Trailangebot ablehnen, unterbrechen und abbrechen, ohne die Belohnung zu verlieren.

Der Hund gibt mir also Feedback während des gesamten Weges und ich kann den Weg bis zu einem gewissen Grad anpassen.

Ich gehe also den Weg des spurtreuen Trailens mit dem Hund und lasse mir immer wieder von ihm die Frage beantworten, ob es gut für ihn ist. Ob Mantrailing diesem Team Flügel verleiht.

Und auch an dieser Stelle nochmal: Wenn die Antwort Nein lautet, ist meine Alternative nicht das Trailen über Hochwind. Dann ist meine Antwort, dass für diesen Hund Mantrailing nicht die passende Beschäftigung ist.

Erst jetzt darf der langfristige Nutzen in die Waagschale

Nur wenn die beiden vorherigen Voraussetzungen, also der Abgleich mit den realistischen Möglichkeiten und die bedürfnisorientierte Ausführung des Weges, erfüllt sind, darf für mich auch der langfristige Nutzen für das Mensch-Hund-Team in die Waagschale.

Auch ein Hund, der für ein anderes Suchmuster veranlagt ist, kann die erlernte spurtreue Suche als lohnende, vorhersehbare und freudvolle gemeinsame Aktivität erleben. Ich erlebe das sehr häufig, dass Hunde nach der Umstellung auf spurtreue Suche in der Bilanz der gesamten Trainingseinheit deutlich mehr vom Trailen haben. 

Und jetzt beginnt die Phase, in der der Spatz in der Hand Flügel verleiht.

Da kann sich ein früher bei Entscheidungen „lautstark klagender“ Spinone zu einem stabilen spurtreuen Trailer entwickeln. Ein zuvor frustrierter Setter, der immer am Ende der Leine hing, kann fokussiert und gleichmäßig auf dem Trail unterwegs sein.

Und manchmal reichen die Veränderungen weit über das Mantrailing hinaus.

Da kann ein Mensch-Hund-Team, das sich nach einem Beißvorfall nur noch sehr eingeschränkt in der Umwelt bewegt hat, durch die Kombination aus Training und Mantrailing so sicher werden, dass zunächst die Teilnahme an einem Social Walk möglich wird und später sogar das Absolvieren des Hundeführerscheins in einer Gruppe.

Ich kann nicht sagen, welchen Anteil das Mantrailing allein an dieser Entwicklung hatte. Und auch nicht, ob der positive Effekt auf den Menschen oder auf den Hund dabei mehr Gewicht hatte. Aber ich höre von Menschen und Trainer*innen immer wieder, dass ein Hund ohne das Mantrailing heute nicht da wäre, wo er ist. In meiner eigenen Geschichte war Mantrailing jedenfalls der Gamechanger  –  der Spatz, der uns Flügel verliehen hat.

Den Weg als Gefährten gehen

„Großer Panda“ sagte Kleiner Drache,
„ich mag, wie du mit mir wanderst,
mir zuhörst und mit mir sprichst.
Aber am meisten mag ich, wie ich mich mit dir fühle“

James Norbury
Großer Panda und Kleiner Drache

Und genau darum geht es für mich, wenn ich mich entschieden habe, diesen Weg mit einem Hund zu gehen. Die Spurtreue ist für mich kein Selbstzweck. Ich kann die Veranlagung des Hundes beim Traillegen direkt berücksichtigen, indem ich den Trail so lege, dass es für diesen Hund möglichst leicht ist, spurtreu zu bleiben.

Bei einem Hund, der gerne über Hochwind suchen möchte, lege ich Trails deshalb nicht über große offene Flächen. Die Zielperson positioniere ich so, dass die Witterung möglichst keinen offensichtlichen Motivationskonflikt auslöst. Und habe ich einen U-förmigen Trail zu eng gelegt, darf der Hund auch abkürzen. Möchte ein Hund lieber im Schatten laufen oder etwas umgehen, dann bin ich die Letzte, die ihn daran hindert.

Da gibt es kein „da muss er durch“, sondern größte Sorgfalt beim Legen und Begleiten der Trails.

Ich sehe mich nicht als Prüferin des Hundes.

Ich sehe meine Rolle als Gefährtin des Mensch-Hund-Teams, mit der sich beide gut fühlen. Ich behalte ihre Bedürfnisse im Blick, wäge immer wieder neu ab und nehme auch meine eigenen Entscheidungen nicht als in Stein gemeißelt hin.

Mein Fazit

Tja, mein Fazit auf die Frage, ob es vertretbar ist, einem Hund eine Suchstrategie gegen seine natürliche Veranlagung vorzuschreiben, kann ich in einem Satz zusammenfassen: „Es kommt drauf an…“

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Ich bin Astrid Sperlich, Fachfrau für ein Mantrailing Training, das Mensch-Hund Teams zum Strahlen bringt.

Mit fachlichem Scharfsinn und Blick auf die Bedürfnisse beleuchte ich Dein Training von allen Seiten. Ich unterstütze Dich dabei, Deinen Weg als Mantrailing Trainer*in zu finden. Vor Ort in Oberbayern & online, persönlich & in einer starken Gemeinschaft.

Für den IBH leite ich die Mantrailing-Trainer*innen Weiterbildung, die den Schwerpunkt auf Enrichment setzt. Meine Mission: Mensch & Hund mit Mantrailing wirklich glücklich machen und nicht nur auslasten. Probleme lösen, statt neue schaffen.

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