Mantrailing als Enrichment erfordert einen besonderen Spirit

„Astrid, magst Du vielleicht einen Beitrag über Dein Herzensthema „Mantrailing als Enrichment“ für unsere Webseite schreiben?“

Diese Frage hat mich Anfang Juni erreicht und sofort habe ich be­geistert zugesagt, war mir aber bisher über die Struktur, das Thema aufzuarbeiten noch nicht so ganz im Klaren. Doch durch einen Workshop Anfang dieser Woche wurde mir sonnenklar, um was es in dem Beitrag gehen soll.

Und so kamen sie dann wie Perlen ans Licht: Die Elemente, die es braucht, um Mantrailing Training eben genau als Enrichment einzusetzen.  So ist dieser Blogartikel entstanden.

Enrichment ist Erfüllung von Bedürfnissen, die im Alltag zu kurz kommen

Dabei kann Mantrailing Training sowohl Enrichment für den Hund als auch für seinen Menschen – und im besten Falle auch für die Trainer*in sein.

Die Bedürfnisse sind von Team zu Team anders und das Faszinierende ist, dass Mantrailing sehr viele auch unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen kann.

Bedürfniserfüllung für die Hunde

Welche Bedürfnisse des Hundes kann Mantrailing auffangen, die im Alltag (vielleicht) zu kurz kommen?

  • eine Spur bis zum Ende mit Erfolg verfolgen
  • Sinnhaltige Aufgabe mit der Nase
  • Selbstwirksamkeit
  • Vorausgehen dürfen
  • Eigenständige Lösung mit Support vom Teampartner Mensch

Darüber hinaus kann Mantrailing für die Hunde aber noch sehr viel mehr, denn Mantrailing kann Brücken bauen und Helden erschaffen

Bedürfniserfüllung für die dazugehörigen Menschen

Und wie sieht das bei den zu den Hunden gehörigen Menschen aus? Welche Bedürfnisse kann Mantrailing Training da auffangen?

  • Austausch mit Gleichgesinnten
  • Erfolg, Anerkennung und Wertschätzung als Team
  • Glücksgefühle durch Bedürfniserfüllung des eigenen Hundes
  • Gruppenerlebnis mit Abenteuercharakter

Darüber hinaus gilt auch für den Menschen, dass Mantrailing die Sichtweise verändern kann

Bedürfniserfüllung für uns Trainer*innen

Ein eher unerwarteter Aspekt ist die Bedürfniserfüllung der Trainer*innen, denn ehrlich gesagt ist das Verhältnis von Aufwand/Ertrag beim Mantrailing eher ungünstig im Vergleich zu anderen Gruppenangeboten. Was also bringt die Trainer*innen dazu, dennoch Mantrailing anzubieten?

  • die außergewöhnlichen Möglichkeiten gerade für besondere Teams, die Mantrailing Training eröffnet
  • das Glitzern in den Augen der Teams auf dem Heimweg
  • es macht einfach unglaublich Spaß

Und um die unternehmerischen Bedürfnisse möglichst auch zu erfüllen, biete ich ein Mentoring für Kolleg*innen an, die Mantrailing als Enrichment einsetzen (wollen).

Was keinen Platz bei Mantrailing Training als Enrichment hat

Mit dem Fokus auf die Bedürfnisse von Hunden und Menschen ist für mich klar, dass ein Angebot, das „Enrichment“ sein soll, somit nicht vereinbar ist mit

  • Druck auf Hund und Mensch
  • unpassendem Verhältnis von Bedürfnisbefriedigung zu Stress beim Hund
  • hohem Frustpotential für den Hund
  • hohem Konfliktpotential für den Hund
  • Geringschätzung der Individuen
  • schlechter Trainingsatmosphäre


Was genau aber braucht es nun, damit ein Mantrailing Training auch wirklich Enrichment ist? Ich nenne es meinen SPIRIT:

Die 6 Elemente des INNsider Spirit

Was es braucht, um Mantrailing Training als Enrichment einsetzen zu können sind folgende 6 Elemente:

S – für Suchaufgabe zielführend definieren
P – für Perspektive wechseln und Positive Bestärkung
I  – für Individuelle Bedürfnisse wertschätzen und erfüllen
R – für Rahmenbedingungen anpassen
I – für Interne Organisation optimieren
T – für Training achtsam aufbauen und Teamwork fördern

Schauen wir sie uns im Einzelnen an:

S - Suchaufgabe zielführend definieren

Häufig werde ich ungläubig angeschaut, wenn ich betone, daß die Aufgabe nicht lautet: „Finde die Person“ – sondern „zeige mir, welchen Weg die Person genommen hat“: Das sog. Trailen auf dem Geruchsband.

Das ist jetzt keine Erfindung von mir, sondern auf diese Weise trainieren Personensuchhund-Teams, die sehr erfolgreiche Einsätze laufen. Diese Definition der Suchaufgabe hatte ihren Ursprung darin, die Ergebnisse der Sucharbeit zu verbessern.

Was hat das jetzt mit Enrich­ment zu tun? Wir streben ja in den seltensten Fällen Einsätze an.

Nun, das Trailen auf dem Geruchsband ist eine klar definierte Aufgabe, die den Hunden ein­deutig vermittelt werden kann. Je besser die Chance ist, dass die Aufgabe klar definiert ist und der Hund sie verstehen und umsetzen kann, desto  weniger Frust und Unsicherheit gibts im Training. Der Hund kommt vorhersagbar zum Erfolg, er ist selbstwirksam und weiß, wie er die Aufgabe lösen kann, sein Ziel erreicht.

Und wir haben beim Training die Möglichkeit, bestätigend oder durch Managementmaßnahmen einzuwirken. Ja, richtig gelesen: Einwirken. Denn ich wirke im Mantrailing Training auf den Hund ein mit dem Wissen, daß es nach Paul Watzlawick sowieso unmöglich ist „nicht einzuwirken“

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick

Sinnvoll unterstützt fällt es dem Team leichter, die gestellte Auf­gabe zu erfassen, zu üben und dann erfolgreich abzu­schließen. Da bleibt dann wenig Raum für Frust.

Natürlich kenne ich die Einwände zu diesem Trainingsansatz  – auf die komme ich unter T – für Training achtsam aufbauen und Teamwork fördern zu sprechen.

P - Perspektive wechseln, Positive Bestärkung

Hierbei gehts in erster Linie um den Zweibeiner. Wer einen in der Gesellschaft auf­fälligen Hund hat, sieht meistens nur noch oder verstärkt die Baustellen.

Ein Perspektivenwechsel mit Fokus auf die Großartigkeit des Hundes hilft, auch mit den Herausforderungen im Alltag wieder klarzukommen. Den eigenen Hund als Held zu erleben tut einfach beiden Seiten der Leine gut. Zu erleben, wie der Hund über sich hinauswächst und

  • die großartigen Fähigkeiten seiner Nase beweist,
  • mutig den Trail rockt,
  • konzentriert der Aufgabe nachgeht,
  • fokussiert arbeitend mit den Umweltreizen besser klarkommt,
  • mutig den Jackpot abholen kann,
  • mit seinem Menschen als Team freudig die gestellte Aufgabe löst

verändert die Sichtweise auf den eigenen Hund. Und das ist für beide Seiten der Leine spürbar. Der Hund spürt den Stolz und die Freude seines Menschen und oft ist das der berühmte „Fuß in der Tür“, der ein Training an Alltagsproblemen ermöglicht.

Dabei ist sowohl das Erlernen als auch die Durchführung des Trailens auf Basis positiver Verstärkung möglich. Durch die sinnvoll definierte Suchaufgabe können wir im Training erwünschtes Verhalten positiv verstärken.

I - Individuelle Bedürfnisse wertschätzen und erfüllen

„Weil das beim Mantrailing so gemacht wird“ gehört nicht zu meinem Wortschatz. Meine Maxime im Training ist es, einen Weg zu finden, damit jedes Team wachsen und sich wertgeschätzt entwickeln kann. Und wenn ein typisches Ritual oder Ablauf für ein Team (noch) nicht umsetzbar ist, dann wird der Ablauf verändert. Das Ritual muss dem Team angepasst werden – nicht umgekehrt. Dann öffnet sich ein Raum für Weiterentwicklung und in kleinen Schritten können Rituale immer weiter angepasst werden. Und auch das Sicherheitsgefühl und die Sorgen der Menschen müssen ernst genommen werden. Das Training soll den Raum geben, in dem sich auch der Mensch wertgeschätzt entwickeln kann.

Beim Trailen als Enrichment haben die Teams die große Chance, mit Heraus­forderungen des Alltags besser klarzukommen. Und es herrscht große Freude, wenn der Hund auf dem Trail den Radler aushalten kann und weiter seiner Aufgabe nachgeht.

Und selbstverständlich dürfen Hunde auf den Trail Meideverhalten und deeska­lierendes Verhalten in der Kommunikation unter Artgenossen zeigen. Gerade dann, wenn das ein Alltagsthema ist. Der Zweibeiner im Team lernt, dies zu erkennen und vom Trailverhalten zu unterscheiden.

Dem Einwand, dass es beim Mantrailing  ja um ein Menschenleben gehen kann und der Hund deswegen alles andere außer zu trailen bleiben lassen sollte, stimme ich insofern zu, dass wirklich gute Einsatzhunde diese mentale Stärke in der Tat haben und/oder durch gutes Training gefestigt werden sollte.

R - Rahmenbedingungen anpassen

Treffender als Gerd Schreiber es in diesem Satz ausdrückt, kann man es nicht formulieren:

Wir bauen kein Haus bei Erdbeben.

Gerd Schreiber

Das betrifft sowohl die Dauer einer Trainingseinheit als auch die Location.

Damit das Team richtig gute Lernerfahrung beim Trailen machen kann, sollte es keinesfalls zur Über- aber möglichst auch nicht zur Unterforderung kommen.

So liegt für mich bei regelmäßigen Trainings-Gruppen die obere Grenze bei 4 Teams (in Sonderfällen 5 Teams) bei einer maximalen Dauer von 2 Stunden. Sonst wird es schwer mit dem guten Verhältnis für Bedürfniserfüllung für den Hund. Diese Gruppengröße bietet auch die optimalen Möglichkeiten, die Trails der anderen Gruppenmitglieder zu begleiten und durch Zuschauen den eigenen Blick zu schärfen.

Und da bin ich beim nächsten Stichwort, nämlich der „Gruppenmitglieder“. Ich bevorzuge eindeutig offene Trainingsgruppen für Mantrailing Training.

Welche Vorteile bietet die offene Gruppe beim Trailen?

  • geringere Fehlerquelle für eine falsche Verknüpfung der Suchaufgabe durch wechselnde Zielpersonen
  • mehr Lernerfahrung durch das Begleiten verschiedener Teams
  • freie Wahl des Trainingsortes für das Team (geringeres Risiko der Überforderung durch die Location)
  • Abwechslung in den Trainingszeiten für eine bessere Generalisierung
  • große Flexibilität der Trainingshäufigkeit für die Teams und damit Wertschätzung der Ansprüche des Menschen

Natürlich weiß ich, dass offene Gruppen organisatorisch anspruchsvoll und unternehmerisch riskanter sind. Und das ist genau der nächste Punkt.

I - Interne Organisation optimieren

Bei offenen Gruppen kommt man meiner Meinung nach nicht um ein Onlinebuchungstool herum. Das spart Zeit, Nerven, liefert eindeutige Regeln und schafft Verbindlichkeit und Komfort auf beiden Seiten. Ich persönlich bin für diesen Zweck ein absoluter Fan von SuperSaaS.  Ja, es ist etwas aufwändig beim Konfigurieren, aber es kann alles umsetzen, was ich brauche – und das für wenig Geld.

Und da ist das nächste Stichwort: Geld.

Die Teilnahme an einer Mantrailing Gruppenstunde kann nur zu einem anderen Preis erfolgen als viele andere Gruppentrainings.

Bewährt haben sich für beide Seiten ABO-Angebote und Trainingspakete (Karten oder auch Wertmarken). Das läßt sich auch bei offenen Gruppen umsetzen. 

Mantrailing Training bedeutet i.d.R. einen erheblichen Mehraufwand – von der Anfahrt zu den wechselnden Treffpunkten mal abgesehen.

Eine optimierte interne Struktur hilft Trainer*innen, den Aufwand für die Orga von Mantrailing Training zu reduzieren, damit am Ende auch das Aufwand/Ertrags – Verhältnis passt: Ohne Einbußen der Qualität des Trainings.

Dabei können

  • digitale Helferlein und
  • eine ausgeklügelte Vorbereitung und Durchführung des Trainings

helfen, Zeit und Organisationsaufwand einzusparen. Davon profitieren alle Beteiligten des Trainings.

T - Training achtsam aufbauen, Teamwork fördern

Und hier schließt sich der Kreis, denn dieser Punkt ist sehr eng mit der Definition der Suchaufgabe verbunden.

Basics – Basics – Basics – darauf beruht der Hauptanteil des Trainings: Den Zweibeinern die Körpersprache des Hundes auf dem Trail dolmetschen und die Story des Trails bewußt zu machen, die der Hund erzählt. So kann der Mensch seinen Hund auf dem Trail auch wirklich lesen lernen.

Denn Ziel ist es, dass der Teampartner Mensch die beiden elementaren Fragen nach sam-dogs.ch zu jeder Zeit sicher beantworten kann:

Die elementaren Fragen auf dem Trail lauten:
1. Ist der Hund in Arbeit?
2. Ist der Hund auf Spur?

Peter Keller

Erst wenn der Mensch seinen Hund so gut lesen kann, begeben wir uns in den Bereich der überprüfenden Blind-Trails.

Der gesamte Trainingsaufbau hat zum Ziel, dass Mensch und Hund als Team die gestellte Aufgabe lösen. Dafür wird der Mensch im Training angeleitet, wann und wie er seinen Hund  am besten unterstützen kann. Das erfolgt durch

  • gute Vorbereitung
  • eine Körpersprache, die dem Hund seine Aufgabe nicht erschwert
  • Schutz vor Gefahren (z. B. Straßenverkehr)
  • aktives Einbringen, wenn der Hund Schwierigkeiten hat.

Gerade der letzte Punkt ist bedeutend: Wir lassen unseren Hund auf dem Trail nicht hängen! Wir sind ein Team! Wenn der Hund auf dem Trail Schwierigkeiten hat, den Trailverlauf zu finden, ist der Teampartner Mensch gefordert. Seine Aufgabe ist es, den Hund in die Lage zu bringen, die Entscheidung wieder treffen zu können.  Der Mensch nimmt dem Hund die Entscheidung also nicht ab – er unterstützt ihn, die Entscheidung treffen zu können und sorgt natürlich jederzeit für seine Sicherheit.

Und nun zu dem Einwand, dass sich der Hund ja durch das Einwirken am Menschen orientiert, statt zu suchen:

Natürlich erkennt der Hund das – aber anfangs ist das bewusster Teil der Aufgabenvermittlung – der Hund soll ja verstehen können, dass er „auf dem Geruchsband“ (ist übrigens nicht zwingend identisch mit der gelaufenen Spur) trailen soll.

Erst wenn der Hund die Aufgabe zweifelsfrei verstanden und die mentale Stärke (erlangt) hat, sich auf dem Trail auch mal „gegen die Körper­sprache seines Menschen“ durchzusetzen, hinterfragen wir bewusst eine Entscheidung. Wenn der Hund seine korrekte Entscheidung zum Trailverlauf dann durchsetzt,  bestätigen wir das umgehend. Damit verhindern wir, dass wir den Hund in Konflikte bringen, die er (noch) nicht lösen kann und fördern seine mentale Stärke.

Fazit

Wenn das Training alle diese Punkte ausreichend berücksichtigt und erfüllt, DANN ist Mantrailing Training ENRICHMENT.

Mit diesem SPIRIT beim Trailen gehen die Teams und Trainer*innen mit einem Glitzern in den Augen nach Hause.

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